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VON SIEGERN UND VERLIERERN IM SPITZENSPORT

Diesen Frühling nahm ich am Symposium für Mentales Training, organisiert von der Sport Mental Akademie, teil. Nichts fasziniert mich seit jeher mehr als Sport und nichts würde mich persönlich wohl mehr begeistern, als Sportler auf mentaler Ebene zu begleiten. Um so mehr waren meine Ohren an diesem Freitagnachmittag im Zürcher Volkshaus gespitzt. Es war äusserst inspirierend, den Ausführungen von Patrick Fischer, Nationaltrainer der Schweizer Eishockey Nationalmannschaft, Dr. René Paasch, Sportpsychologe aus der deutschen Bundesliga, Marina Brülhart, Mentaltrainerin, und Michelle Heimberg, Wasserspringerin, zu folgen und eifrig Notizen zu machen. Diese fasse ich in diesem Blog-Beitrag zusammen und berichte über meine Sicht der Dinge im Bezug auf Erfolg oder eben Nicht-Erfolg im Spitzensport. Das Spannende dabei ist ja, dass man die Erfolgsrezepte aus dem Spitzensport je länger je mehr auch auf die Wirtschaft übertragen kann.

 

Die Geheimnisse des Empathie-Menschen Patrick Fischer

Am meisten berührten mich an diesem Nachmittag die Ausführungen von Eishockey Nationaltrainer Patrick Fischer. Er hat nicht nur als Spieler Hochs und Tiefs erlebt, sondern eben auch als Trainer. Genau diese Tiefs sah er stets als Chance, um zu wachsen und wieder aufzustehen. Sei dies bei Verletzungen, bei Entlassungen oder beim Versagen an einem grossen Turnier. 2018 geschah genau dies an den olympischen Spielen in Pyeongchang. Die hohen Erwartungen wurden damals nicht erfüllt und die Eisgenossen fielen früh aus dem Turnier. Statt lange Trübsal zu blasen, sass die Mannschaft noch in Südkorea zusammen und analysierte die Situation. Dabei wurden Dinge offen angesprochen, es wurden Feedbacks eingeholt und man rückte ein ganzes Stück näher zusammen. So wurde direkt nach Turnierende die Basis für das nächste Turnier gelegt und was geschah wenige Wochen später an der anschliessenden Weltmeisterschaft? Richtig, das Team von Patrick Fischer wurde mit der zweitjüngsten Mannschaft des Turniers Vize-Weltmeister und scheiterte erst im Penaltyschiessen an Schweden.

 

Die Silbermedaille von damals soll keine Eintagsfliege bleiben. Patrick Fischer und sein Team haben es geschafft, das Image der «kleinen» Schweiz abzulegen und in jedem Spiel «frech» oder einfach mutig aufzutreten, egal ob der Gegner Slowenien, Österreich, Italien oder eben Russland, USA oder Schweden heisst. «Wir passen unsere Spielweise nicht mehr dem Gegner an, sondern spielen unser Eishockey, egal wie der Gegner heisst», so Patrick Fischer. Wow, wann hat man dieses Selbstbewusstsein jemals von einem Schweizer Auswahltrainer, egal in welcher Sportart, gehört? Nun, es gehört bei Patrick Fischer noch viel mehr dazu, als diese Winner-Mentalität. Auf der einen Seite setzt er morgens und abends selbst auf Rituale im mentalen Bereich. Auf der anderen Seite kennt er all seine Spieler in- und auswendig. Nicht nur die technisch-spielerisch-taktischen Fähigkeiten, sondern vor allem auch die Geschichte jedes einzelnen. Es sind Geschichten, die zum Teil richtig einfahren und genau diese Geschichten, u. a. Erlebnisse als Kinder, Schicksalsschläge etc., werden einander im Kreis der Nationalmannschaft regelmässig erzählt. Dabei rückt der Mensch in den Mittelpunkt und es entsteht ein Kit, der eben unzerstörbar ist. Die Breite an Spielern, die in Sachen Eishockey-Fertigkeiten alles mitbringen, wird in der Schweiz immer grösser und so spielt die Mentalität der Spieler eine immer wichtigere Rolle. Patrick Fischer achtet bei seiner Arbeit extrem auf das Menschliche und darauf, dass die Chemie oder die Balance innerhalb der Mannschaft eben stimmen. Dabei schreckt er nicht zurück, für Aussenstehende manchmal auch etwas unkonventionelle Entscheidungen zu fällen und sogenannte grosse Namen, wie aktuell zum Beispiel Denis Hollenstein, aus dem Kader zu streichen. Dies jedoch wiederum auf eine menschliche Art und ohne jegliche Türen zu verschliessen. Wetten, dass dieser Denis Hollenstein jetzt bereits darauf brennt, im nächsten Jahr bei der Heim-WM wieder dabei zu sein?

 

Patrick Fischer ist auch keiner, der stehen bleibt, sondern stets offen und gewillt ist, dazu zu lernen. So holt er sich während den Nationalmannschaftspausen stets Inspiration in anderen Ligen, u. a. in Schweden oder in der NHL, in dem er Trainings und Spiele besucht. Er sagt es richtig: Eishockey erfindet sich jedes Jahr wieder neu und was letztes Jahr an einer WM funktioniert hat, funktioniert dieses Jahr möglicherweise bereits nicht mehr. Auf der anderen Seite hat es Patrick Fischer gemäss eigener Aussage über all die Jahre als Spieler und auch als Trainer gelernt, etwas Distanz zum Eishockey zu finden und eine gewisse Lockerheit reinzubringen, um den Erfolg nicht verbissen zu suchen. Eine Prise Schalk oder Humor hat er deshalb stets im Gepäck, denn es muss nicht immer alles ganz so ernst sein. Wenn er spricht, merkt man richtig, dass er in seinem Element ist und dass Eishockey eben seine Berufung ist. Man spürt förmlich, mit welcher Freude er sein Amt als Eishokey-Nationaltrainer ausführt. Es ist alles echt und man nimmt ihm sein Aussagen zu 100% ab. Da ist einer in seiner Mitte, einer der Vertrauen in sich und sein Leben hat, einer bei dem nichts anderes zählt, als der Moment. Er versteht es auch, dieses Ur-Vertrauen seinem Coachingstaff und seinen Spielern zu vermitteln und ist offen, seinen Spielern auch in Stresssituationen zu zuhören. So meldete sich im Final vor dem Penaltyschiessen gegen Schweden Sven Andrighetto zu Wort, weil er merkte, dass es nicht einfach war, den ersten Schützen zu bestimmen. «Er haue den ersten rein», meinte er und tat es dann auch wenige Augenblicke später. «Nobody is bigger than the team», ist eine von Patrick Fischers typischer Redewendungen. Jeder erfüllt dabei seine Rolle und man begegnet sich auf Augenhöhe. Grenzen kennt Patrick Fischer und sein Team nicht und träumen ist erlaubt. So würde es nicht überraschen, wenn die Schweizer Eishockey-Nationalmannschaft demnächst tatsächlich mal Weltmeister oder Olympiasieger würde. Zu gönnen wäre es Patrick Fischer und seinem Team, alleine schon wegen der Haltung und Einstellung.

 

Wie wichtig der mentale Aspekt auch in der deutschen Bundesliga ist

Auch Dr. René Paasch, Sportpsychologe aus Deutschland, war angetan von den Ausführungen von Patrick Fischer. Seine Erfolgsrezepte deckten sich dann auch grösstenteils mit denen des Schweizer Eishockey-Nationaltrainers. Trotzdem gibt es den einen oder anderen Punkt, den ich hier gerne noch aufgreifen möchte. So wies er darauf hin, wie wichtig es ist, sich daran zu erinnern, wo man eigentlich herkommt. Er verweist dabei auf die Quelle, respektive das Kindliche, das in uns allen steckt. Es geht dabei um dieses unbeschwert Leichte, dieses Verspielte! «Ja, darin» sagt er, «liegt das ganze Geheimnis, um auch im Spitzensport erfolgreich zu sein.» Wer es schafft, diesen Zugang wieder zu finden, oder noch besser gar nie verliert, der hat beste Aussichten, um wirklich zu reüssieren. Wer diese Verbundenheit zu sich selbst hat, folgt automatisch seiner Berufung und wer seiner Berufung folgt, macht das, was er tut eben mit Freude. Aus dieser Freude entspringt dann auch die Motivation, die von Liebe getrieben ist (ganz im Gegensatz zur fremd getriebenen Motivation, die aus Angst und aus Angst vor dem Versagen entsteht). «Fachlichkeit ist das eine, Mensch sein das andere», erklärt er und verweist auf die Wichtigkeit des Menschen und der Herzlichkeit. Darin liege das ganze Potenzial!

 

«Teambildung ist etwas, was konstant stattfinden muss, in jedem Training», ergänzt er. "Das ist nicht etwas, was bei einem gemeinsamen Nachtessen oder beim Besuch eines Seilparks entsteht. Das ist etwas, was jeden Tag gelebt werden muss und wachsen darf."

 

Hier eine Auswahl an Punkten, die aus seiner Sicht besonders wichtig sind, um im Spitzensport zu reüssieren:

  1. Eine gemeinsame Identität in Form eines Leitbildes. Wer sind wir und wo wollen wir hin? Dies gilt sowohl für Einzel- als auch Mannschaftssportler.
  2. Klare Ziele und Visionen
  3. Fokus auf den Moment, auf das Hier und Jetzt. Wer zu sehr in der Vergangenheit lebt oder in der Zukunft schwebt, ist nicht präsent
  4. Verbundenheit zu sich und seinen Mitmenschen. Sich auf und neben dem Platz respektieren und ernst nehmen
  5. Kommunikation, nicht nur die Verbale, sondern vor allem auch die non-verbale. Er weist dabei auf die Wichtigkeit der Körpersprache hin, im Wettkampf aber auch in jedem Training
  6. Empathie (Einfühlvermögen) als Zauberwort und der Trainer als wichtigstes Glied in diesem Bereich
  7. Eine gewisse Lockerheit und Leichtigkeit8) Der unbedingte Wille

 

Beim unbedingten Willen nennt er das Beispiel von Christiano Ronaldo. Der ist nicht einfach so erfolgreich, sondern darum, weil er einfach mehr macht als die anderen. Sieht er rot oder verletzt er sich, weint er. Warum? Weil das Kind in ihm eben lebt und weil er nicht mehr das tun kann, was er eben so gerne tut, nämlich Fussball spielen. So einfach ist das! «Ohne Mentaltraining geht heute in der Bundesliga fast gar nichts mehr», meint er abschliessend und nennt dabei die TSG Hoffenheim als Paradebeispiel. Dort wird der mentale Aspekt mit Erfolg nachhaltig gelebt.

 

Weshalb der Grasshopper Club Zürich da steht, wo er jetzt steht

Auf der anderen Seite der Gefühlskala, steht aktuell der Grasshopper Club Zürich. Jahrzehntelange Misswirtschaft, Ego- und Machtspiele sowie eine ausgeprägte Vernachlässigung des mentalen Bereichs haben dazu geführt, dass das ehemalige Aushängeschild des Schweizer Fussballs nach 70 Jahren aus der Erstklassigkeit verschwindet.

 

Kommt das überraschend? Nein. Denn es wurden in den letzten gut 15 Jahren nicht nur kontinuierlich Charaktermenschen aussortiert, sondern diese standen irgendwie auch stets vor verschlossenen Türen. Grad kürzlich sagte mir ein ehemaliger GC-Trainer: «GC will einfach nicht lernen.» 38 Spieler wurden alleine in der laufenden Saison eingesetzt. Neu verpflichtet wurden Akteure, die in anderen Vereinen keine Perspektiven mehr hatten und keinerlei Verbindung zum Grasshopper Club mitbrachten. Ich frage mich als Beobachter, ob bei irgendeinem dieser Spieler vor Vertragsunterzeichnung mal ein Mentalitätscheck durchgeführt wurde? Die von überall her geholten Spieler wurden auch noch hoffnungsvollen Nachwuchsleuten vor die Nase gesetzt. Wie war das nochmals mit der Philosophie, mangels Finanzen auf den Nachwuchs setzen zu müssen?

 

Dieses GC erntet aktuell grad gnadenlos, was es über Jahre gesät hat. Es ist die Quittung für all die Versäumnisse, all die unüberlegten Neu-Anfänge, die allgemeine Plan- und Orientierungslosigkeit ohne jegliche Identität und Visionen und eben, dieses Nichtlernenwollens.

 

Mit dem Abstieg steht der Grasshopper Club Zürich vor einem Neu-Anfang. Darin liegt jetzt auch die Chance. Zentrale Aspekte für eine erfolgreiche Rückkehr sind die oben beschriebene Identität, die Mentalität und eben die richtigen Menschen an Bord. Man darf gespannt sein, welche Entscheide diesbezüglich in nächster Zeit gefällt werden. Mit der Aussicht auf das lang ersehnte Fussballstadion in Zürich besteht auch für dieses GC eine Chance für eine nachhaltig erfolgreiche Zukunft. Vielleicht bietet sich in dieser Situation ja auch die Möglichkeit, GC neu zu erfinden und unkonventionelle Entscheide zu fällen. Eine Out-of-the-Box-Denkweise schadet in der aktuellen Lage bestimmt nicht.

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Kommentare: 6
  • #1

    Mauro (Mittwoch, 08 Mai 2019 10:57)

    Patrick Fischer sollte demnächst GC übernehmen, dann kommt es gut:-)

  • #2

    Alain (Freitag, 10 Mai 2019 09:48)

    Danke Mauro, ein spannender Gedanke! :-)

  • #3

    Arthur (Donnerstag, 16 Mai 2019 10:53)

    Schade - wollte auch gerne beim Symposium dabei sein. Hätte auch gerne Patrick Fischer gerne persönlich kennen gelernt. Halte sehr viel von seiner Arbeit. Wünsche ihm und dem Schweizer Team viel Erfolg bei der WM...auch wenn ich selber aus Deutschland komme :)

  • #4

    Michel (Donnerstag, 16 Mai 2019 18:45)

    Alain, eine faszinierende und inspirierende zusammenfassung. Super gemacht.....bin von deinen Beitraegen begeistert.
    Weiter so.

  • #5

    Alain (Freitag, 17 Mai 2019 08:44)

    @Arthur: Dankeschön für Deine Zeilen. Der Beitrag ist ja genau für diejenigen, die beim Symposium nicht dabei sein konnten. Die Essenz des Nachmittags kommt darin sehr gut rüber. Und die Sport Mental Akademie wird ja bald wieder solch tolle Veranstaltungen organisieren. Also, immer schön am Ball, respektive am Puck bleiben! ;-)

  • #6

    Alain (Freitag, 17 Mai 2019 08:45)

    @Michel: Dankeschön für die Blumen. Freut mich zu hören und motiviert mich, fleissig weiter zu schreiben! :-)