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WIE MAN ADHS AUF NATÜRLICHE WEISE BEHANDELN KANN

Esther Russenberger, dipl. Heilpädagogin in einem Gastbeitrag. In jeder Schulklasse sitzen AD(H)S-betroffene Kinder & Jugendliche. ADHS steht für Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätssyndrom. 3-5 % sind laut Statistik betroffen – deutlich mehr Knaben. Wichtig zu wissen: Nicht jedes Kind, das spezielles Verhalten zeigt, hat tatsächlich auch ein AD(H)S. Betroffene Kinder "funktionieren" anders. Die Meinungen, ob es sich bei ADHS um eine nicht krankhafte, individuelle Lebensweise handelt (im Sinne von Anders Denken Handeln Sehen/Sein (ADHS)) oder aber um eine zu behandelnde Krankheit, gehen weit auseinander.

 

Die Leitsymptome bei ADHS-betroffenen Menschen (Kinder und auch Erwachsene!) sind eine Beeinträchtigung der Aufmerksamkeitsleistung, eine reduzierte Impulskontrolle und ein hohes motorisches Aktivitätsniveau. ADS-Betroffene zeigen das dritte Leitsymptom kaum oder gar nicht – oft ist dieses nach innen verlagert. Dies bedeutet innere Unruhe respektive inneres "auf Wanderschaft gehen". Solche Kinder und Erwachsene fallen deshalb weniger auf. Fast immer kommen zu den zwei oder drei Leitsymptomen weitere Herausforderungen dazu: Probleme mit der Selbstorganisation (z.B. Prioritäten setzen; Arbeiten planen und zu Ende führen; Zeiteinteilung; Termine einhalten; Material verwalten), schnell schwankende Stimmungen, weniger Ressourcen mit Stress umzugehen etc.

 

Auch die Stärken der Betroffenen sollen jedoch bewusst wahrgenommen und gewürdigt werden: Ihre Kreativität als Beispiel oder die Fähigkeit unkonventionelle Lösungen zu finden. Aber auch Offenheit für Neues, Sensitivität, Gerechtigkeitssinn, Spontaneität, das nicht Nachtragend-Sein usw. sind Stärken vieler Betroffener.

 

Alle (!) Kinder und Jugendlichen – und AD(H)S-Betroffene im Besonderen – sind auf Bezugspersonen angewiesen, deren Haltung von Liebe, Vertrauen und Zutrauen geprägt sowie wertschätzend-respektvoll ist. Gleichzeitig sollen die Gegenüber aber auch klar und konsequent sein.

 

Die Situation in vielen Schulklassen ist oft eine grosse Herausforderung für AD(H)S-Betroffene. Grosse Klassen mit einer enormen Heterogenität (zahlreiche Kinder mit speziellen Bedürfnissen), mehr Stoff- und Zeitdruck, bis an (oder über) die Grenze geforderte Lehrpersonen… dies nur einige Stichworte.

 

Manche Betroffene lassen sich Pharmazeutika verschreiben. Es gibt jedoch zahlreiche Ansätze, um AD(H)S-Betroffene anderweitig zu unterstützen und es ist wichtig, diese anzuwenden – genügend lange, angepasst an den jeweiligen Menschen und dessen Umfeld sowie mit einer positiven Einstellung dazu.

 

Vitalstoffe bei AD(H)S

Die angepasste Versorgung mit Vitalstoffen (auch Mikronährstoffe genannt) von hoher Qualität ist ein sehr wichtiger Ansatz. Vitalstofftherapie heisst das Fachwort dafür. Die fehlende Aufnahme (wegen ungesunder Ernährung und/oder schlechter Darmgesundheit) und folglich ein Mangel an Vitalstoffen hat nachgewiesen negativen Einfluss auf die Symptome eines AD(H)S. Es bestehen also Zusammenhänge zwischen Mikronährstoffmängeln und AD(H)S. Diagnostiziert und behebt man solche Unterversorgungen, kann damit oft ursächlich eine klare Verbesserung der AD(H)S-Symptomatik erreicht werden. Leider werden diese Tatsache sowie das entsprechende Handeln heute trotz aller Erkenntnisse noch zu selten beachtet. Nachfolgend Informationen zu einigen Vitalstoffen, welche von grosser Bedeutung sind bei AD(H)S-Betroffenen.

 

Omega-3 Fettsäuren

Der sogenannte Omega-3-Index (d.h. wie viel % aller Fettsäuren sind Omega-3-Fettsäuren) kann im Blut bestimmt werden. Viele Menschen in unseren Breitengraden haben einen schlechten Index – AD(H)S-Betroffene weisen häufig (ca. zu 80%) ein noch schlechteres Verhältnis auf. Langkettige Omega-3-Fettsäuren sind von enormer Bedeutung, u.a. auch für die Hirnfunktionen. Etliche Studien zeigen einen eindeutig positiven Einfluss betreffend Wirksamkeit von Omega-3 Fettsäuren bei AD(H)S-Betroffenen. Hochdosiert v.a. DHA (Docosahexaensäure) aber auch EPA (Eicosapentaensäure) einzunehmen, bringt einen guten Erfolg, was die Reduktion der Negativ-Symptome betreffend Konzentration, hohem motorischem Aktivitätsniveau und reduzierte Impulskontrolle betrifft. Wichtig dabei ist, dass man mit einem Zeithorizont von sechs Monaten rechnet – und nicht vorher aufgibt! Für Dosierungen in passender Höhe wählt man – speziell für Kinder – am besten ein Fischöl sehr guter Qualität (ohne Schwermetalle und Dioxine).

 

Vitamin D3

Viele Menschen in der Schweiz haben einen zu tiefen Vitamin-D3 Spiegel! Vitamin D ist bei über 200 Funktionen im Körper involviert. Ein guter Vitamin D3 Spiegel ist u.a. wichtig für ein gut funktionierendes Immunsystem, die Verbesserung der Hirnleistung, die Stärkung der Muskulatur, den Einbau von Kalzium/Calcium in die Knochen. Das BAG (Bundesamt für Gesundheit) gibt den Tagesbedarf für Erwachsene bei 600-800 IE (internationale Einheiten) an. In der Schulmedizin wird die Vitamin-D Gabe bei über Zweijährigen oft immer noch als unnötig erachtet.

 

Wichtig zu wissen ist auch dies: Bezüglich des Tagesbedarfs an Vitamin D3 ist in der Schulmedizin ursprünglich ein Rechenfehler passiert: Der nötige Bedarf wurde dadurch 10 Mal zu tief angesetzt. Leider ist diese Tatsache vielen Fachleuten nach wie vor nicht bekannt. Betreffend Vitamin D3 und AD(H)S gibt es eine Meta Analyse von Kotsi et al 2018 (16 Studien von 1966 bis 2018 zusammengefasst). Resultat: 3000 IE Vitamin D pro Tag verbessern Aufmerksamkeitsleistung und Impulskontrolle deutlich und helfen zudem den Bewegungsdrang zu kanalisieren.

 

Magnesium

Forscher aus Taiwan publizierten eine Metaanalyse über den Zusammenhang zwischen dem Magnesiumstatus und ADHS. Es zeigte sich, dass Kinder mit der Diagnose ADHS niedrigere Serum- und Haarmagnesiumspiegel hatten als Kinder ohne ADHS.

 

Eisen (Ferritin)

Bekannt ist, dass Ferritin für die Dopamin-Synthese gebraucht wird. 84% aller AD(H)S Kinder haben einen deutlichen Ferritin-Mangel. Und: Je schwerer der Mangel ist, desto eindrücklicher zeigen sich die Symptome des AD(H)S. Leider gibt es aber noch keine relevanten Studien über die Wirksamkeit der Eisensubstitution. Es lohnt sich aber sicher, diesen Wert im Blut messen zu lassen und entsprechend zu handeln.

 

Zink

Zink hilft, dass der Dopamin-Spiegel erhöht wird. Interessant auch hier: Misst man den Zink-Spiegel von AD(H)S Kindern, so ist dieser signifikant tiefer als bei nicht Betroffenen. Für eine Studie von Bilici et al im Jahr 2003 wurden 400 Kindern 150 mg Zink pro Tag verabreicht. Resultat: Eine deutliche Senkung des motorischen Aktivitätsniveaus sowie eine Verbesserung der Impulskontrolle – jedoch kein Einfluss auf die Aufmerksamkeitsleistung.

 

Andere Vitalstoffe

Weitere Vitalstoffe können zur Verbesserung des Wohlbefindens von AD(H)S-Betroffenen beitragen – z.B. Selen, Aminosäuren, Q10, NADH. Auch zur Stärkung des Immunsystems sowie zur Verbesserung der Darmgesundheit gibt es im Bereich der Vitalstoffe bewährte Therapien und hoch wirksame Produkte. Für alle Vitalstoffe gilt: Eine gute Beratung mit individueller Dosierung ist von grosser Bedeutung.

 

Bewegung, Entspannung und Ernährung

Zum Schluss noch einiges zu den drei Stichworten Ernährung, Bewegung und Entspannung.

 

Ernährung

Dem Einflussfaktor Ernährung wird nach wie vor zu wenig Bedeutung beigemessen. Was man isst (und einkauft – Qualität!), ist zentral. Jedoch beeinflusst auch die Atmosphäre, in der man eine Mahlzeit zu sich nimmt, unser Wohlbefinden. Nicht zu vergessen ist auch, die Darmgesundheit einzubeziehen: Wenn die beste Nahrung und wichtige Vitalstoffe im Darm nicht oder nur schlecht aufgenommen werden, hat dies früher oder später massive Auswirkungen auf den ganzen Menschen. Um AD(H)S-Betroffene zu unterstützen, lohnt es sich, v.a. den Konsum an Fertigprodukten, Zucker, Gluten und manchmal auch Milcheiweissen genauer zu betrachten. Und die Strategie "SAISONAL – REGIONAL – BIO – UNVERARBEITET" bewährt sich.

 

Bewegung

Für AD(H)S-Betroffene ist Bewegung ein Muss! Man kann das hohe motorische Aktivitätsniveau vieler Betroffener auch als " Selbst-Therapie" bezeichnen. Nicht selten haben Intensiv- und Spitzensportler eine AD(H)S-Diagnose. Bewegung fördert den gesamten Stoffwechsel (inkl. Produktion von Hirnbotenstoffen wie Dopamin aber auch die Hormonproduktion etc.). Das körperliche und auch das psychische Wohlbefinden wird durch moderate, aber regelmässige Bewegung massiv gesteigert! Am einfachsten kommen viele Menschen regelmässig zur nötigen Bewegung, wenn diese in den Arbeits- bzw. Schulweg einbaut wird. Zu Hause Arbeitende planen die Bewegungszeit am besten fest in ihren Tagesablauf ein.

 

Entspannung

Für sehr viele AD(H)S-Betroffene ist der Themenbereich Entspannung ein Feld, welches gute Anleitung, regelmässiges Üben und idealerweise fixe Zeitfenster braucht. Methoden zum Entspannen gibt es diverse: Solche, welche man nach dem Erlernen gut alleine durchführen kann und andere, welche vor allem in einer Gruppe praktiziert werden. Es ist wertvoll, sich über verschiedene Möglichkeiten zu informieren und auch nach den Erfahrungen anderer AD(H)S-Betroffener (und deren Familien) zu fragen. Was einem anspricht, soll man ausprobieren (evtl. auch mehrere Methoden) und sich anschliessend bewusst für eine passende Variante entscheiden. Will man eine Verbesserung der Lebensqualität erreichen, so ist das Dranbleiben von grosser Bedeutung. Es lohnt sich!

 

Ich hoffe, Sie wurden angeregt durch die Lektüre dieses Gastbeitrages. Einen schönen Sommer mit vielen guten Erlebnissen, gesunder Nahrung, genug Bewegung und Entspannung – das wünsche ich Ihnen!

 

Esther Russenberger, dipl. Heilpädagogin und ADHS-Beraterin 

Kontakt: adhs@vitalstoffmedizin.ch

 

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